boustrophedon
Luther und die Waschmaschine
16. November 2016 in Weblogs
Katharina von Bora steht vor einem Brettervorhang, an dem verschiedene Bedienelemente und Öffnungen zu sehen sind. Sie ist von Nonnen umgeben, die ihr zuhören.
Katharina: Schwestern in Christo, der Klosteralltag ist hart und wir sind mit unseren Exerzitien und dem Beten des Breviers so beschäftigt, daß für unsere täglichen weltlichen Pflichten keine Zeit mehr bleibt.
Nonne 1: Genau! Weg mit den Gebeten!
Sowohl Katharina als auch die anderen Nonnen blicken die Nonne indigniert an und einige schütteln den Kopf.
Katharina: Das ist der falsche Weg. Das würde Mutter Oberin nicht sehr gefallen!
Nonne 2: und Gott dem Herrn ebenfalls nicht.
Nonne 3: schließlich sind wir mit Jesus Christus verheiratet
Katharina: und deshalb würde er es überhaupt nicht gutheißen, wenn wir unsere Hausarbeit schlampig verrichteten.
Nonne 1: Die Männer sind doch alle gleich.
Sowohl Katharina als auch die anderen Nonnen blicken die Nonne indigniert an und einige schütteln den Kopf.
Katharina: Deshalb habe ich hier eine neue Haushaltsgerätschaft ersonnen, die es uns erlaubt, unsere Pflichten leichter und schneller zu erfüllen.
Nonne 2: Es sieht aus wie ein Hühnerstall.
Nonne 1: oder wie ein Klohäuschen
Sowohl Katharina als auch die anderen Nonnen blicken die Nonne indigniert an und einige schütteln den Kopf.
Katharina: Durch diese Öffnung kann man die schmutzige Wäsche werfen und der Apparat wäscht sie für uns in kürzester Zeit.
Katharina wirft ein Tuch in die Öffnung, worauf es in der Maschine anfängt zu klappern.
Katharina: Aber nicht nur Wäsche kann man einwerfen, sondern auch das schmutzige Geschirr aus dem Refektorium und der Küche. (flüsternd) Sogar den Abendmahlskelch.
Die Nonnen sehen sich an und kichern.
Nonne 3: Wenn das unser Herr Bischof wüßte
Katharina wirft einen schmutzigen Teller und etwas Besteck durch die Öffnung. Es klappert wieder. Nach ein paar Sekunden kommt das saubere Geschirr durch die zweite Öffnung. Katharina nimmt es und zeigt es triumphierend herum. Dann kommt auch das saubere Tuch.
Nonnen: Das ist Teufelswerk. Das Ding hat der Satan erdacht. Das ist Hexerei.
Nonne 1: Wo kann man das kaufen?
Die anderen Nonnen blicken die Nonne 1 indigniert an und einige schütteln den Kopf.
Katharina: Beruhigt Euch meine Schwestern im Glauben. Es geht alles mit rechten Dingen zu. Der Heilige Stuhl in Rom höchstselbst hat uns dieses Gerät gesandt.
Allgemeines Erstaunen.
Katharina: Es dient nicht nur der Reinlichkeit, sondern auch der Läuterung der Seele.
Nonne 1: Kann man da auch Seelen drin waschen?
Die anderen Nonnen blicken die Nonne 1 indigniert an und einige schütteln den Kopf.
Katharina: In gewissem Sinne: Ja! Aber nicht die Euren. Fragt nicht weiter! Das fällt unter das Beichtgeheimnis.
Die Nonnen ziehen sich zurück und diskutieren im Weggehen heftig miteinander.
Katharina schiebt/zieht die Bretterblende beiseite und man sieht Luther, der sich schweißgebadet über einen Zuber beugt.
Katharina: Du kannst rauskommen, Martin. Sie sind weg.
Luther schlägt seine Thesen an
4. Oktober 2016 in Weblogs
Luther und Katharina sitzen in der Küche und unterhalten sich. Katharina setzt ihm einen Kräutertee vor.
Luther Kräutertee! Ewig dieser Kräutertee! Ist kein Bier mehr im Haus?
Katharina Das könnte dir so passen. Es wird getrunken, was auf den Tisch kommt!
Luther Ach wäre doch nur der Kaffee schon erfunden
Katharina Der würde Dir nur noch mehr den Schlaf rauben. Was grübelst Du eigentlich die ganze Nacht und wälzt Dich hin und her?
Luther Ich will die ganze fromme Bande zu einer Disputation laden und denen mal gehörig meine Meinung geigen. Ich habe da schon einige Punkte notiert, die mir nicht passen.
Luther hebt triumphierend viele beschriebene Blätter hoch.
Katharina Mein Gott, wieviele Punkte hast Du denn?
Luther Nur fünfundneunzig. Eigentlich hätte ich noch viel mehr, aber wir hatten kein Pergament mehr im Haus.
Katharina Kein Wunder, daß da keiner kommt. Die hohen Herren wollen doch sowieso nur Bier saufen und Wurst fressen. Und genauso Wurscht ist denen auch Deine Kritik.
Luther Man müßte sie mit der Nase drauf stoßen, die Herren.
Katharina Man müßte sie mit einem Schlag draufstoßen, sozusagen mit einem Hammerschlag.
Luther Katharina, mein Goldkind!! Das ist die Idee! Ich werde die Thesen an der Kirchentür anschlagen, da können Sie es nicht übersehen.
Luther läuft zum Schrank und holt einen Hammer und große Nägel heraus. Er läuft zur Tür hinaus in Richtung Kirche. Katharina rafft die 95 Thesen zusammen und rennt ihm nach. Im Laufen
Katharina Du kannst diese Thesen nicht an die Kirchentür nageln.
Luther Wieso nicht? Glaubst Du, der Erzbischof Albrecht hat etwas dagegen?
Katharina Nein, der nicht.
Luther Der Papst vielleicht? Was geht mich der Papst an?! Wer einen Sumpf trockenlegen will, der darf nicht die Frösche fragen.
Katharina Der wird sicherlich nicht begeistert sein, aber der ist in Rom und da bleibt er auch.
Luther Jetzt komm mir nicht wieder mit dem Kaiser! Der hat genug mit seinen Weibern zu tun. Und hier wird er wohl nicht so schnell vorbeireiten.
Katharina Nein, das ist es auch nicht.
Luther und der Tetzel hat mich schon genug auf dem Kieker
Katharina Der wird Dir schon noch bei anderer Gelegenheit zeigen, wo die Glocken hängen.
Katharina und Luther kommen an der Kirchenpforte an.
Luther Und warum, bitteschön, sollte ich meine Thesen hier nicht annageln können?
Katharina Weil die Kirchentür aus massivem Metall ist. Da kriegst Du im Leben keinen Nagel rein!
Luther Scheibenkleister! ... Kleister! Man bräuchte Kleister. Oder besser noch ein klebendes Band. Ich bräuchte ein Klebeband, um meine Thesen festzumachen. Ich werde es Thesa nennen.
Luther und der Backfisch
4. Oktober 2016 in Weblogs
Luther sitzt im Skriptorium und ist über einen Folianten vertieft, in den er Marginalien schreibt. Leise kommt ein junges Mädchen herein, das einen Tablet-PC in der Hand hält. Es ist partymäßig gestylt, mit nabelfreiem Top, bunten Haaren und geschminkt. Sie stellt sich leise neben Luther und schaut ihm zu.
Backfisch Was machstn da?
Luther dreht sich zu ihr um und blickt direkt auf den Bauchnabel des Mädchens. Er erschrickt und hält sich mit den Händen die Augen zu.
Luther Jesus, Maria und ein Stückerl Josef, wieder so eine Versuchung.
Er linst zwischen den Fingern durch und mustert dann erstaunt die gesamte Gestalt des Mädchens.
Mädchen Is was? Was guckstn so?
Luther Du armes kleines Geschöpf Gottes! Du bist so arm, daß Du nackend umherlaufen mußt?
Mädchen Hä! Das sind doch voll die angesagten Klamotten.
Luther Ich verstehe zwar nicht wer da was angesagt hat, aber diese billigen Lumpen zeugen von Deinem ärmlichen Dasein.
Mädchen Billig?`Was glaubst Du, wie teuer es ist, so billig auszusehen? Das ist von Glööckler!
Luther Das erklärt vieles. Der Glöckner hat ja selbst kaum etwas zum Anziehen. Das sieht ihm wieder ähnlich, Dich in solch unkeuschem Aufzug herumlaufen zu lassen.
Mädchen Unkeusch!!! Hahahahaha!!! Das hätt nicht kommen dürfen. Unkeusch! Na hoffentlich. Unsere Jungs sollen ruhig sabbern, hahaha!
Luther Die Armen hat sie auch die Pestilenz erwischt
Luther entdeckt den Tablet-PC in ihrer Hand.
Luther Was hältst Du denn da in Deiner Hand?
Mädchen Na, mein Tablet.
Luther Ach jetzt verstehe ich. Dich schickt der Mundschenk. Bitte noch einen
Luther stellt seinen Humpen auf das Tablet.
Mädchen Hey, Alter! Hast Du ne Macke?
Luther Macke?
Mädchen Ja, so ne Macke, wie Du sie gerade in mein Display gekratzt hast.
Sie stellt knallend den Humpen zurück auf Luthers Pult.
Luther Was führt Dich dann hierher?
Mädchen Ach, alles ist so öde! Wir sind auf Komfi-Ausflug hier auf der Wartburg und der Pfarrer sülzt uns voll mit seinem ewigen Junker Jörg und seiner Reformation und dem anderen Mist. Da habe ich mich davongeschlichen.
Luther Da hast Du Recht getan, mein Kleines. Hier ist es sehr viel besinnlicher. Was war das mit dieser Reformation?
Mädchen Der Luther, das ist dieser fette Mönch da auf den Bildern, der hat hier die Bibel übersetzt und ging damit den Pfaffen anständig auf den Senkel. Und da hat er einfach die Kirche reformiert.
Luther blickt verdrossen auf seinen Bauch, dann erstaunt auf sein Buch, dann auf das Kreuz.
Luther Und was ist Komfi?
Mädchen Komfi? Na Komfi halt! Konfirmationsunterricht. Da müssen wir alle durch vor unserer Konfirmation
Luther reißt die Augen auf. Erhitzt:
Luther Wer hat Dir das erzählt? Wo hast Du das her? Das habe ich noch niemandem verraten! Das ist ja noch gar nicht zu Ende gedacht. Laß das bloß niemanden hören, hörst Du, das ist gefährlich.
Mächen Wahrscheinlich ist es viel gefährlicher, hier mit so nem Spinner wie Dir allein zu sein. Du bist ja echt krank!
Das Mädchen weicht zurück und verschwindet schnippisch aus dem Raum. Luther grübelt nach
Luther Reformation?! Hm! Keine schlechte Idee
Luther und die schöne Unbekannte
24. September 2016 in Weblogs
Zum Lutherjahr habe ich für unsere Senioren Theatergruppe der Friedenskirche Mannheim einen kleinen Sketch geschrieben. Ich habe zwar mit Kirche nichts am Hut, aber das Thema hat mich schon gereizt. Also:
Luther und die schöne Unbekannte
Luther steht mißmutig vor dem Kreuz und betet. Eine elegante Frau mit Hut nähert sich ihm leise von hinten. Luther bemerkt sie plötzlich und erschrickt.
Luther: Mein Gott, haben Sie mich erschreckt! Müssen Sie so schleichen?
Dame: Verzeihen Sie, aber ich trete nie sehr laut auf.
Luther mustert sie mit wohlgefälligem Blick.
Luther: Sind Sie zum Beten gekommen? Wie kann ich Ihnen helfen?
Dame: Mir? Gar nicht! Ich bin bereits auf dem rechten Weg. Und im Beten habe ich nicht so viel Übung. Aber vielleicht kann ich Ihnen helfen.
Luther: Dann sollten Sie damit anfangen, Soll ich Ihnen die Beichte abnehmen?
Dame: Zu gütig, aber soviel Zeit haben Sie nicht.
Luther seufzt und dreht sich resignierend wieder zum Kreuz. Plötzlich besinnt er sich und ruckt herum.
Luther: Was soll das heißen: Vielleicht kann ich Ihnen helfen? Mir ist nicht zu helfen. Ich bin hier sehr gut versorgt.
Dame: Wirklich, Herr Luther?
Luther: Natürlich! Woher kennen Sie mich überhaupt?
Dame: Ich kenne die meisten Menschen. Also was bedrückt Sie?
Luther: Eigentlich nichts. Nur könnte es hier im Skriptorium etwas wärmer sein. Ich übersetze gerade die Bibel, müssen Sie wissen und da friert man sich den Ar Allerwertesten ab. Außerdem taugt der Fraß hier im Refektorium nichts. Der Koch ist eine Ausgeburt der Hölle.
Die Dame kichert amüsiert. Sie antwortet geheimnnisvoll:
Dame: Na, das wüßte ich aber!
Luther: Außerdem habe ich wahnsinnige Kopfschmerzen. Als ob ein Dämon in meiner Stirn wohnt.
Dame: Da kann ich Ihnen helfen. Lassen Sie mich mal. Dämonen hören für gewöhnlich auf mich.
Die Dame nähert sich Luther und legt ihre Hand auf seine Stirn.
Luther: Phanstastisch! Wie haben Sie das gemacht? Das ist ja göttlich!
Dame: Nicht ganz! Ich kann Ihnen alles besorgen. Alles was sie brauchen und noch vielmehr: Einen Ofen, leckere Mahlzeiten jeden Tag
Sie nähert sich ihm, schaut ihm tief in die Augen und flüstert:
Dame: oder schöne Frauen
Luther wischt sich den Schweiß von der Stirn.
Luther: und was wollen Sie dafür?
Dame: Ich habe etwas in Ihrem Buch geblättert als Sie gerade mal naja da waren, wo auch der Kaiser zu Fuß hingeht. Sie haben da aber gar nicht schön von mir gesprochen.
Luther: Von Ihnen! Hahaha! Das fehlte noch! Das Buch der Bücher handelt nicht von herausgeputzten Damen mit ulkigen Hüten.
Dame: Doch, doch. Besonders in der Offenbarung des Johannes oder im zweiten Korintherbrief.
Die Dame lächelt überlegen und listig und nähert sich Luther und will ihn mit ihrer Hand berühren, doch Luther begreift und springt davon.
Luther: Gottseibeiuns! Der Leibhaftige! Vade retro, satanas! Weiche von mir!
Luther beruhigt sich schnell und geht wieder auf die Dame zu. Er betrachtet sie von oben bis unten.
Luther: Nein, nein! Du bist nicht der Teufel! Den kenne ich. Der hat Hufe und Hörner, und
äh!
einen Schwanz.
Luther tritt noch näher und schnuppert.
Luther: Außerdem riecht er nach Schwefel und nicht nach Patchouli.
Dame: Ich bin eben kundenorientiert. Wenn man hinter den Seelen der Menschen her ist, muß man sich effiziente Akquisestrategien ausdenken, und damit bin ich sehr erfolgreich
Luther: Bei mir nicht! Meine Seele kriegst Du nicht!
Dame: Was muß ich tun, damit Du mir Deine Seele überschreibst?
Luther sinniert, blickt zum Kreuz und wieder zurück zur Dame.
Luther: Bleibe ein ganzes Leben lang in dieser Gestalt und werde meine Ehefrau!
Sie starrt auf Luthers Bauch.
Dame: Nein! Nein!! Nein!!! Das ist zuviel! Das ist selbst für mich ein zu schweres Schicksal! Das ist Deine Seele nicht wert!
Sie rennt schreiend davon. Luther atmet auf.
Luther: Uff! Gut, daß sie nicht ja gesagt hat. Da nehm ich wohl doch besser die Katharina. Die stellt sich wenigstens nicht so an
Gefahr liegt in der Luft - Teil 2
20. Oktober 2009 in Weblogs
Seine Worte werden von lautem Schimpfen und Fluchen unterbrochen, das nun vom Panzerfahrzeug herüberdringt. Dort werden zwei Gestalten im Polizeigriff unsanft auf den Polizeipräsidenten zugeschoben. Runter mit der Vermummung!!! Man reißt den beiden, einer Frau und einem Mann, die entfernt an die Fotos auf den Fahndungsplakaten der Siebziger erinnern, die Schals und die Ohrenschützer vom Kopf. Ein heftiger Wortwechsel entspinnt sich zwischen den Kontrahenden.
Die junge Frau vom Spiegel TV löst sich nach einer Weile von der Gruppe, stellt sich vor ihrer Kamera auf und spricht ihren eilends zusammengestellten Kommentar:
Eine neue Gruppierung, die bislang noch nicht auffällig geworden ist, hat hier und heute die pfälzische Polizei vor eine fast unlösbare Aufgabe gestellt. Sie nennt sich Forum für Senioren und es ist ihr gelungen unter der Leitung einer kleinen Organisationszelle eine riesige Gruppe vermummter Menschen mehrheitlich reiferen Alters zu einem nie dagewesenen Demonstrationszug zu vereinigen. Noch ist unklar, was die neue radikale Zelle beabsichtigt. Forderungen wurden noch keine gestellt. Die Tatsache, daß die Gruppe unbewaffnet ist, sollte nach Aussage des Polizeipräsidenten nicht zu vorschneller Entwarnung Anlass geben. Noch werden die mitgeführten, als Erfrischungstücher, Asthmasprays und Hustelinchen getarnten Gegenstände auf chemische oder gar bakterielle Kampfstoffe untersucht. Ein Ergebnis liegt noch nicht vor. Die Rädelsführer, ein graubärtiger Revoluzzertyp mit dem Decknamen Carlo66 und eine kurzhaarige Intellektuelle, die sich zynisch und verharmlosend Eisfloh nennt, sagten aus, daß ihnen ein seit langem geplantes Mitgliedertreffen einfach aus dem Ruder gelaufen sei. Das, meine sehr verehrten Zuschauerinnen und Zuschauer beweist einmal mehr, wie schnell unserer freiheitlich-demokratische Grundordnung ins Wanken geraten kann, wenn eine gewissenlose Gruppe von Weltverbesserern glaubt, daß sie unsere bewährte Ordnung über den Haufen werfen könnte. Was immer sie bewirken wollten, die menschenverachtende Art und Weise, mit der sie gerade die älteren Mitglieder der Zellen, die bundesweit agieren sollen, quasi als Kanonenfutter auf die Straße schickt, zeigt ganz deutlich, wes Geistes Kind diese Verirrten sind, denen sich nun die Polizei in ihrer gewohnt feinfühligen Art animmt. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen noch einen schönen Fernsehabend. Schalten Sie uns aus nächstes Mal ein, wenn es heißt: ..
Gefahr liegt in der Luft - Teil 1
20. Oktober 2009 in Weblogs
Gefahr liegt in der Luft!
Die Atmosphäre knistert. Die Augen aller sind auf den Eingang zur Fußgängerzone gerichtet. Die Polizisten mit ihren Maschinenpistolen sind in wärmendes Grün gewickelt uns stoßen im Sekundenabstand durch den hochgeschlagenen Schal lange Nebelwölkchen aus, die sich schnell mit den Nebelwölkchen des neben ihnen stehenden Polizisten vermischen. Die Nervosität ist mit Händen zu greifen.
Der Polizeipräsident hebt das Megaphon und schwört seine Hundertschaften ein: Männer und Frauen vom SoKo Dürkheimer Faß!!! Die Lage ist noch nicht besorgniserregend!!! Wir haben alles unter Kontrolle!!! Der Gegner bewegt sich in langsamem Schritttempo auf uns zu, und macht auch keine Anstalten, sich in absehbarer Zeit aufzulösen!!! Wir haben bislang immer noch kein Bekennerschreiben oder eine andere Benachrichtigung erhalten, aus dem wir schließen könnten, was der Gegner will!!! Machen Sie sich auf das Schlimmste gefasst!!! Ich wollte, ich hätte bessere Nachrichten für Sie, aber so ist nun mal die Situation!!! Machen Sie das Beste daraus!!!
Mehrere Hundertschaften stehen bereit, dem Unerwarteten entgegenzutreten, so geheimnisvoll und sinnlos dieser Kampf auch scheinen mag. Unaufhaltsam rückt die Front vor und hat nun schon bald den Anfang der Fußgängerzone erreicht. Die Straßen um Umfeld wurden vorsorglich geräumt, die Geschäfte geschlossen, die Schaufenster mit Brettern vernagelt. Ein gespenstisches Bild.
Aus Mannheim, Heidelberg und Kaiserslautern hatte man die letzten Wasserwerfer entmottet, vom Staub befreit und nach Bad Dürkheim verschickt. Als ob das etwas nützen würde.
Ein Reporter von der Ludwigshafener Rheinpfalz und eine Journalistin des Spiegel TV sind bis zum Polizeipräsidenten durchgedrungen und befragen ihn. Mit hilflosen Gesten unterstreicht der Beamte seine Ratlosigkeit: Nein wir haben keine Ahnung, was das ganze soll und auch nicht, was die wollen. Alles hat kurz nach Mittag am Dürkheimer Faßrestaurant angefangen und der Protestzug wälzt sich nun unaufhaltsam auf die Fußgängerzone zu. Eine Verbindung zur rechten Szene wird nicht ausgeschlossen, allerdings weist auch nichts darauf hin. Embleme linker revolutionärer Zellen wurden auch nicht entdeckt. Es ist uns ein Rätsel. Er zuckt mit den Schultern und schämt sich gleichzeitig über diese Geste.
Ein Polizeiobermeister, dem die stundenlange Kälte sichtlich ins Gesicht schneidet, kämpft sich schnaufend zu der kleinen Gruppe durch und flüstert dem Polizeipräsidenten etwas ins Ohr. Dessen Gesicht verfinstert sich, als er zu den beiden Journalisten raunt: Die Situation spitzt sich zu! Sie sind vermummt! Da können wir nicht anders! Wir müssen durchgreifen!
Der Einwurf der besonnen Journalistin, daß die Vermummung ledigleich gegen die Kälte geschieht, wird vom Polizeipräsidenten mit einer barschen Handbewegung weggewischt und die junge Frau mit einem mitleidigen Blick bedacht. Wie kann man nur so naiv sein!
Hubschrauberlärm dicht über den Dächern läßt alle nach oben schauen. Der Helikopter schlägt völlig schulwidrige Haken. Man sieht, wie sich daraus mehrere Gestalten hastig abseilen und hinter den Dächern verschwinden, die Lage ist unübersichtlich. Unter den Hundertschaften entsteht Bewegung, offenbar werden die plötzlich eingetretenen Vorkommnisse heftig diskutiert. Mehrere Sprechfunkgeräte piepen und quäken und lassen jedermann aufhorchen. Die angespannte Furcht weicht Neugier. Es heißt plötzlich allenthalben, man habe die Rädelsführer gefangengenommen. Das wäre zu schön um wahr zu sein.
Langsam teilt sich die Menge der bereitstehenden Polizisten und macht einem grünen Panzerwagen Platz, der sich langsam und blau blinkend auf den Polizeipräsidenten zubewegt. Eine schwarzgekleidete, bis auf die Zähne bewaffnete Gestalt springt vom Panzerwagen, rennt auf den Polizeipräsidenten zu, macht Männchen und Meldung.
Mit entspanntem Gesicht wendet dieser sich wieder den beiden Journalisten zu und sagt stolz in die Kamera: Es ist einer Sondereinheit des GSG 9 und ihrem Hubschrauber gelungen, die Rädelsführer in einem gewagten Kommandounternehmen gefangenzunehmen. Bislang zeigen sie sich nicht kooperativ und fügen sich nur widerwillig in die neue Situation. Aber das werden wir noch in den Griff bekommen, das haben wir ja gelernt, höhöhöh!!!
Der Preis des Ruhms - Eine kleine Satire
11. August 2009 in Weblogs
Wieder einmal ist ein Stück abgespielt. Es ist immer traurig, wenn es vorbei ist. Und bald schon vermisst man die Wogen des Applauses, die einem förmlich von der Bühne direkt in die Garderobe spülen.
Gut, gut, acht oder neun Vorhänge müssen schon sein, da muß man durch, da muß man eben immer und immer wieder raus. Dann aber kommen schon die Reinemachefrauen und fegen die Berge von Blumen, Schlüpfer und Teddybären von der Bühne. Ein oder zwei Transparente mit der Aufschrift Chucky, ich will ein Kind von Dir sind auch meist dabei. Nun gut, so ist eben der Alltag.
Auf dem Weg in die Umkleideräume verebben langsam die wütenden Stimmen der Frauen, denen die Security gewohnt durchsetzungskräftig den Weg durch die Korridore versperrt.
Ich werfe noch ein gutes Dutzend Autogrammkarten in die Menge, quasi als Trost, und wende mich dann schnell ab. Ich kann diese fiesen Schlägereien um diese Karten einfach nicht ab.
Etwas ermattet, setze ich mich vor meinen hell erleuchteten Spiegel und schminke mich ab. Immer wieder klopft es und der Hausmeister bringt jedesmal ein paar Bouquets herein und bittet mich noch um ein Autogramm, für seine Enkel, wie er sagt.
Als sich die Tür wieder hinter ihm schließt, nehme ich noch schnell ein Näschen Schnee. Ich will schließlich nachher nicht schlappmachen, auf der Party bei Ochsenknechts. Mal sehen, ob die Ferres heute wieder nackt auf dem Tisch tanzt, wenn die Bowle leer ist, höhöhö!
Die Maske hat mich heute mal wieder so richtig vollgekleistert mit Grundierung W5. Als ob ich das nötig hätte! Man kriegt das Zeug mit den Feuchttüchern kaum wieder raus aus den Poren.
Hasi, mein öliger Agent, kommt herein ohne zu klopfen und ruft mir zu, daß die Stretch-Limousine da sei. Gut! Ich lege noch die letzten Goldkettchen an, noch etwas Gel ins Haar und dann los. Fast hätte ich die Sonnenbrille vergessen. Ohne geht es nicht, Du weißt ja wie das ist.
Ich schreite dynamisch durch die schwach erleuchteten Korridore, die Bühnenarbeiter und Roadies nicken mir ehrfürchtig zu, mit jedem Schritt nähere ich mich dem Bühnenausgang. Da ist er schon. Ich atme tief durch, nehme mich zusammen, der Wachmann ruft Er kommt! und öffnet mir schwungvoll die Tür. Dieses Geschrei!!!
Zwischen mir und der Limousine liegen nur etwa zehn oder zwölf Meter und doch braucht es die geballte Kraft der Security, um mir die Menge der kreischenden Teenies und deren Mütter vom Leibe zu halten. Ekelhaft! Ich lächle ihnen zu und denke mir, während ich mich in die weichen Elefantenhodenlederpolster fallen lasse:
Wäre ich doch nur Fleischer geworden, wie der Herr bei der Berufsberatung damals vorgeschlagen hat.
DAS wäre ein Leben!
Die 29. Olympischen Spiele 2008 zu Peking (Teil 1)
27. August 2008 in Weblogs
Dabei sein ist alles? Dazu ein paar Gedanken.
Sie sind nun seit ein paar Tagen vorbei, die Spiele. Sie waren beeindruckend, prachtvoll, perfekt organisiert.
Die Eröffnungsfeier war ein Gang durch die chinesische Geschichte, bei dem man die vielen Errungenschaften Revue passieren ließ. Merkwürdigerweise fehlten die letzten hundert Jahre. Von der Qing-Dynastie, die 1911 ihr Ende fand sprang man, fast schamhaft, direkt in die Gegenwart. Alles, worauf man noch vor zwanzig Jahren so mächtig stolz war, wurde jetzt komplett ausgeklammert.
Ein besonderes Highlight war für mich der Aufmarsch der Athleten, nach Ländern sortiert. Auf den Ehrenplätzen saßen Scharen von Staatsoberhäuptern, die ihre Sportler begrüßten; so auch George Dabbelju Bush. Als seine US-Helden einmarschierten sah man ihn stehend mit der Hand auf dem Herzen. So gehört es sich und so sieht man es gern. Als allerdings die winzige Delegation der ebenso winzigen Insel Guam einmarschierte, erwischte die Kameraregie ihn gelangweilt beim Nasenbohren. Das war keineswegs Mißachtung von ihm. Weit gefehlt! Er wußte schlichtweg nicht, daß er auch deren Staatsoberhaupt war!!! Ich wußte es. Und ich sitze noch nicht mal im Mannheimer Stadtrat! God bless America.
Die Massendarbietungen wurden in ihrer Perfektion und Präzision nur noch von der Eröffnungsfeier in Berlin 1936 übertroffen. Knapp! Aber das war ja auch die SA. Das macht mir etwas Angst.
Zum Glück hat die Präsentation Londons bei der Abschlußfeier gezeigt, daß wir 2012 wohl keine Roboterparaden zu befürchten haben werden. Londons Oberbürgermeister Boris Johnson kam zur Übergabe der olympischen Fahne ungekämmt, mit offenem, zerknittertem Jackett und den Händen in den Taschen. Er blinzelte verlegen ins grelle Flutlicht, als ob man ihn gerade noch rechtzeitig von der Couch seiner Kumpels gezogen hätte, auf der er nach der feuchtfröhlichen Willkommensparty eingenickt war. Das läßt hoffen!
Die Schwimmwettbewerbe wurden mir durch die neue Kleiderordnung gründlich verdorben. Selbst wenn die Teilnehmer auf den Startblöcken standen, erschloß sich das Geschlecht des Athleten nur durch einen Blick auf die Anzeigetafel. Die Weltrekorde purzelten in solcher Fülle, als sei das Schwimmen erst vor drei Jahren erfunden worden. Es soll mir bitteschön keiner erzählen, das läge an den neuen Anzügen. Eine Staffel hat den Weltrekord gar um ganze sechs Sekunden verbessert. Waren zuvor in dieser Disziplin nur Nichtschwimmer am Start?
Der Medaillenspiegel spricht, richtig gelesen, eine sehr deutliche Sprache. Während alle (!) anderen Nationen etwa gleich viele Gold-, Silber- und Bronzemedaillen erringen konnten, hatte China mehr Goldmedaillen als Bronze- und Silbermedaillen zusammen. Das läßt nur den Schluß zu, dass man lediglich den vermeintlich sicheren Sieger zum Wettkampf zugelassen hat, während der zweit- oder gar drittbeste Chinese mit Schimpf und Schande aus dem olympischen Vorbereitungslager gejagt wurde. Schon der Gewinner einer Silbermedaille wird als Versager betrachtet. Olympischer Geist?
(Fortsetzung in Teil 2)
Die 29. Olympischen Spiele 2008 zu Peking (Teil 2)
27. August 2008 in Weblogs
Das Dopingproblem ist, scheint mir, endgültig gelöst. Von über 8000 Proben wurde nur etwa ein Dutzend positiv getestet. Die Tatsache, daß die Weltrekorde bei diesen Olympischen Spielen purzelten wie die Springer vom Turm muß dann eben andere Gründe haben. Die Dopingexperten sind nun aber nicht allesamt dämlich, zumindest nicht dämlicher als ich. Auch ihnen wird gedämmert sein, daß da noch etwas zu entdecken ist. Aber was? Solange man nichts greifbares in den Händen hält, hält man wenigstens den Mund. Nach anabolen Steroiden, Erythropoetin und Testosteron tippe ich diesmal auf körpereigene Botenstoffe.
Pierre de Coubertin rotiert schon lange im Grab. Jetzt, glaube ich, hat er noch ein paar Umdrehungen zugelegt.
Als der chinesische Hürdenläufer Liu Xiang wegen Verletzungspech seinen Start abbrechen mußte, war das eine nationale Katastrophe. Sein Trainer Sun Haiping entschuldigte sich auf einer Pressekonferenz unter Tränen in einer Weise, die mich sofort an die Tränen der ertappten Volksschädlinge und Rechtsabweichler erinnerte, die auf diese Weise vor einigen Jahrzehnten vor den Tribunalen der Roten Garden eine Einlieferung ins Arbeitslager abzuwenden versuchten. (自我批评) Ich weiß wovon ich rede!
Wie kann es sein, dass auf dem Jackett jedes Reiters fett der Name des Ausrüsters prangte, wo doch bei den Olympischen Spielen jegliche Werbung untersagt ist. Hoch zu Roß sieht man offenbar über manches hinweg. Diesmal rotiert Avery Brundage. (Wikipedia hilft!)
Den Athleten und Offiziellen zur Seite stand eine Armee von geklonten Püppis mit Zahnpastalächeln. Aber seien wir ehrlich, das ist bei jeder Olympiade so. In München hat sich ein solches Püppi sogar einen König geangelt.
Einige Sportarten habe ich mit besonderem Interesse verfolgt:
- Das Synchronschwimmen, weil ich das so unbeschreiblich albern finde. Allein die Nasenklammern und dann dieses ewig gequält-kranke Zwangslächeln über und unter Wasser, während die Füße in der Luft zappeln.
- Tae-kwon-do, wo türkische Schläger in deutschen Trikots schreien, treten und sich schlagen mit Schlägern anderer Nationen.
- Das Kinderturnen, wo sich 11-jährige Chinesinnen mit 16-jährigem Pass mit retardierten Hormonmangelpatientinnen aus anderen dressurgewohnten Staaten messen. Bravo, patpatpat, Zuckerchen!
- BMX, wo erwachsene Männer auf Kinderfahrrädchen über eine bucklige Carrera-Bahn strampeln.
- Das Turmspringen, wo es manchen Wettkämpfern gelingt, nach elffachem Salto und achtfacher Schraube (gehechtet) ins Becken einzutauchen, ohne daß die Wasseroberfläche es bemerkt.
Ich habe früher selbst Gewichtheben gemacht. Nichts dolles, aber immerhin. Mit meiner Bestleistung wäre ich auf diesen Olympischen Spielen fünfzehnter geworden! - Allerdings nur in der Klasse der Frauen bis 48 Kilo Körpergewicht. 😉